Die Unantastbaren

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Wie Ikonen des Pop und Rock jahrelang Minderjährige missbrauchten – und bis heute wenig getan wird

Bildquelle: Andrew Steinmetz via Flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Triggerwarnung: Missbrauch und Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung

Mit Gesetzen verhält es sich von Zeit zu Zeit wie mit Sperrstunden für Jugendliche – sie gelten nicht für alle. Manche 16jährige müssen um Mitternacht zuhause sein, manche nicht. Manche Menschen werden für sexuellen Missbrauch angeklagt und verurteilt, manche bleiben aufgrund von Macht und Reichtum unantastbar. Auch vor dem Gesetz. Besonders in der Musikindustrie scheint ein anderer Maßstab angelegt zu werden, wenn es um die Rechtmäßigkeit bestimmter sexueller Kontakte geht. Doch in letzter Zeit rüttelt etwas am goldenen Schloss der Unantastbarkeit. Es sind die Frauen und Männer, die in der MeToo-Bewegung ihre Stimme erheben, die von den schrecklichen Gräueltaten erzählen, derer sie Opfer wurden, und die nicht schweigen, entgegen aller Drohungen. Denoch wissen immer noch wenige Menschen um die Missbrauchsfälle ihrer Musikikonen wie R. Kelly, Michael Jackson und David Bowie. Und diejenigen, die davon wissen, fragen sich zurecht: Darf ich „Under Pressure“ noch hören?

R. Kelly

Robert Sylvester Kelly, bekannt als R. Kelly und Sänger von Welthits wie „I believe I can fly“ oder „If I could Turn Back the Hands of Time“ gilt mit 140 Millionen verkauften Tonträgern als einer der erfolgreichsten Musiker der Gegenwart. Er begann seine Karriere in den 1990ern, schrieb Songs mit Michael Jackson, Britney Spears, Justin Bieber und Lady Gaga. Über zwei Jahrzehnte hinweg stand er ganz oben in den Billboard Charts. Jetzt allerdings wurde er zu 30 Jahren Haft verurteilt. Schuldig gesprochen in neun Anklagepunkten, darunter Verführung einer Minderjährigen, dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger, der Herstellung von Kinderpornografie, Erpressung, sexueller Ausbeutung und Behinderung der Justiz.

Die ersten Vorwürfe sexuellen Missbrauchs reichen bis ins Jahr 1994 zurück. Damals warf die Anklage Kelly vor, Sex mit seiner 13jährigen Patentochter gehabt und gefilmt zu haben. Obwohl zwölf Zeugen die Patentochter in dem Video erkannt haben wollen, stritt Kelly alle Vorwürfe ab und wurde 2010 freigesprochen. Neun Jahre später, strahlte dann der US-Fernsehsender Lifetime die Serie „Surviving R. Kelly“ aus. Darin werfen mehrere Frauen Kelly sexuellen Missbrauch vor, auch seine Ex-Frau Andrea Kelly. Die Staatsanwaltschaft erwirkte daraufhin einen Haftbefehl, doch Kelly wurde bereits nach zwei Tagen gegen Kaution wieder freigelassen. So verbrachte er noch weitere fünf Monate in Freiheit, bis er im Juli 2019 erneut festgenommen wurde.

Die erschütternden Zeugenaussagen führten schließlich zum tiefen Fall des RnB Sängers. Über zwei Jahrzehnte missbrauchte Kelly unzählige Mädchen und Jungen. Darunter auch Jerhonda Pace. Als Minderjährige lerne sie Kelly auf einer Party kennen. Danach missbrauchte er sie über mehrere Monate hinweg. Er soll ihr ins Gesicht geschlagen, sie angespuckt und zum Oralsex gezwungen haben, weil sie einmal nicht schnell genug von ihrem Handy aufsah.

„Er würgte mich und ejakulierte auf mein Gesicht.“

Jerhonda Pace

Auch die 13jährige Aaliyah Haughton habe Kelly in einem Tourbus zum Sex gezwungen. Später bestach er einen Sachbearbeiter des Jugendamtes, um das Alter der Minderjährigen in ihrem Ausweis zu fälschen. Als auch das nicht reichte, heiratete Kelly Aaliyah zwei Jahre später (damals war sie 15), in der Hoffnung eine Strafanzeige zu umgehen. Dies sind nur zwei Beispiele der Geschehnisse, die sich über Jahre hinweg hinter verschlossenen Türen – und manchmal auch vor Zeugen – abspielten.

Vor drei Wochen (Ende Juni 2022) sprach ihn jetzt ein New Yorker Gericht schuldig. Diesmal endgültig. Die Verurteilung kommt reichlich spät, war doch die Beweislage bereits 2008 erdrückend. Trotzdem wird das Urteil als Meilenstein der MeToo-Bewegung gefeiert, denn erstmals in der Geschichte der Bewegung gehörten schwarze Frauen zur Mehrheit der Anklage. Sie haben viel aushalten und doppelt so laut schreien, doppelt so hart kämpfen müssen, um gehört zu werden. Nun haben sie zumindest ein Stück Gerechtigkeit bekommen. Doch so viel Genugtuung das Urteil auch verschaffen mag, Kellys Taten können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Reichtum, Macht und die Erfolgsstory des gebürtigen Kellys aus ärmsten Verhältnissen erlaubten es dem Sänger, über Jahrzehnte hinweg Minderjährige zu missbrauchen und dennoch als Ikone gefeiert zu werden. Und damit ist er nicht alleine.

David Bowie, Iggy Pop und Don Henley

R. Kelly ist kein Einzelfall. Auch Michael Jackson stand mehrfach wegen Kindesmissbrauch vor Gericht, wurde jedoch nie schuldig gesprochen. Was ins Auge springt, wenn wir uns die Künstler ansehen, bei denen es zumindest zu einem Prozess gekommen ist: sie sind alle schwarz. Dabei haben sich auch weiße Pop- und Rockstars an Minderjährigen vergriffen, ohne daraus ein Geheimnis zu machen. Der Aufschrei bleibt allerdings aus. Musiker wie Iggy Pop, David Bowie und Don Henley waren dafür bekannt, minderjährige Geliebte zu haben, Drogen zu missbrauchen, Gewalt anzuwenden, Sexexzesse durchzuführen. Bowie und Iggy Pop teilten sich sogar eine minderjährige Geliebte. Don Henley, Schlagzeuger und Leadänger der Country-Rockband Eagles, Besitzer von insgesamt 8 (!) Grammy Awards, verführte Minderjährige zu Straftaten. Die 16jährige, die nackt mit einer Überdosis Heroin in seinem Haus gefunden wurde, ist nur ein Beispiel dafür. Henley wurde immerhin angeklagt, behauptete aber, vom Alter des Mädchens nichts gewusst zu haben und kam mit einer Bewährungsstrafe davon. In seinem Wikipedia Artikel findet man kein einziges Wort zu den Anklagen.

Im Januar diesen Jahres wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. Insbesondere von queeren Menschen wurde dieser Tag gefeiert und Bowie als Ikone verehrt. Dabei vergriff sich Bowie mehrfach an minderjährigen Mädchen, alkoholsierte sie, setzte sie unter Drogen und vergewaltigte sie. Eine von diesen Mädchen ist Lori Mattix, die 14 oder 15 Jahre alt war, als sie Sex mit David Bowie hatte. Im Magazin Thrillist erzählt sie:

„I was still a virgin and terrified. (…) Then he escorted me into the bedroom, gently took off my clothes and de-virginized me.“

Lori Mattix

Gerade, wenn es um weiße Rockstars geht, sieht das Publikum gerne über offenkundigen Missbrauch hinweg. Bis heute. Iggy Pop, der als „Godfather of Punk“ bezeichnet wird und im März 2010 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, schlief mit Sable Hay Schields (auch bekannt als Sable Starr) als sie gerade einmal 13 Jahre alt war. Sie war eine der ersten sogenannten „Baby Groupies“, die Anfang der 1970er Jahre auftauchten. Auch in seinem Wikipedia-Artikel gibt es keinen Abschnitt zu seinen zahlreichen Vergehen, stattdessen spielt der Rockmusiker dieses Jahr vier Konzerte in Deutschland. Die Tickets kosten 126€.

Kann man Kunst und Künstler*in trennen?

Diese Frage wirft eine Debatte auf, die schon seit längerem immer wieder aufkocht, sei es um J.K. Rowling und die Harry Potter Bücher, die die Kindheit mehrere Generationen prägten oder um Michael Jackson, der die Jahrhundertbassline von „Billie Jean“ schrieb – und die sich nur schwer beantworten lässt.

Ja, sagen die einen. Nicht jeder, der ein Verbrechen begangen habe, müsse auch als Küntler*in gleich mundtot gemacht werden. Gleichschaltung und Zensur ist gefährlich und zöge zur Folge, dass nur noch die Werke makelloser Menschen Kunst sein dürften. Wenn wir nicht wollen, dass Kunst erst genehmigt werden muss, müssen wir wissen, dass Michael Jackson vorgeworfen wurde, Sex mit Minderjährigen zu haben, und seine Musik trotzdem hören. Missbrauch und Gewalt gehören bestraft, doch das ist eine Frage der Justiz – die Kunst habe damit nichts zu tun.

Nein, sagen die anderen. Wer die Lieder übergriffiger Rockstars höre, verhöhne die Opfer der sexuellen und emotionalen Missbräuche. Die Person, die hinter den Liedern und Texten steckt, sollte immer mitgedacht werden, sexistische Haltungen dürfen nicht unreflektiert durchgewunken werden, nur weil es sich um ein „Musikgenie“ handle. Jeder Download bei Spotify, jeder Cent im Buchladen, Kino oder Plattengeschäft sei auch eine Einverständniserklärung: Die bestehenden Strukturen sind okay.

Die Literatur zeigt uns, wie wenig die Gesellschaft bereit ist, für die Opfer sexuellen Missbrauchs zu tun.

#MeToo ist nicht nur ein einschlägiger Hashtag, mit dem Opfer sexuellen Missbrauchs auf die Taten aufmerksam machen wollen. Das Thema bewegt uns alle. Zahlreiche Filmemacher*innen und Autor*innen widmeten sich dem Thema MeToo und den Skandalen um Musiker wie R. Kelly und David Bowie. Ein Beispiel aus der Welt der Bücher ist der Roman „Grown“ von Tiffany D. Jackson. „Grown“ erzählt die Geschichte der 17jährigen Enchanted Jones, die als eine der wenigen Schwarzen auf ihrer Schule in Pennsylvania versucht, eine Karriere als Sängerin zu starten. Bei einem Vorsingen erweckt ihre Stimme das Interesse des erfolgreichen Popstars Korey Fields. Fields schenkt Enchanted seine ganze Aufmerksamkeit, verspricht ihr, gemeinsam an ihrem Debutalbum zu arbeiten, wenn sie ihn auf seine anstehende Tour begleitet.

“Grown exposes the underbelly of a tough conversation, providing a searing examination of misogynoir, rape culture, and the vulnerability of young black girls. Groundbreaking, heart-wrenching, and essential reading for all in the #MeToo era.”

Dhonielle Clayton, New York Times Bestsellerautorin  

Über 380 Seiten hinweg wird Enchanted immer weiter in ein Netz aus Manipulation und Lügen hineingezogen, stets in der Hoffnung, ihren Traum vom Singen zu erfüllen. Fields setzt sie nach und nach unter Drogen, missbraucht sie sexuell und emotional. Die Lesenden spüren Enchanteds Hoffnung und ihre Ohnmacht, als Fields sich als kontrollsüchtiges Monster entpuppt. Die Autorin Tiffany D. Jackson schafft es, dass wir auf einmal selbst nachfühlen können, warum sich Opfer sexualisierter Gewalt, oft nicht aus ihren gewaltvollen Beziehungen lösen können. Wir selbst wollen Korey Fields glauben, wir selbst sagen uns, dass er doch nur ein Opfer seiner Umstände ist – ein Kind, das über Nacht zum Weltstar wurde und mit den psychischen Folgen diesen Erfogs zu kämpfen hat. Bis zum Ende des Buches werden alle möglichen Personen für Fields Missbrauch an Enchanted und zahlreichen weiteren minderjährigen Mädchen verantwortlich gemacht, auch die Opfer selbst – nur der eigentliche Täter wird nie zur Rechenschaft gezogen. Ein bildhaftes Beispiel dafür, wie auch heute in unserer Gesellschaft Opfern sexualisierter Gewalt geholfen wird – nämlich gar nicht.

Das Buch „Grown“ findet ihr hier.

Wenn du selbst, oder eine dir bekannte Person, Opfer sexueller oder häuslicher Gewalt ist, suche dir Hilfe. Ressourcen findest du beim Bundesministerium, dem Weißen Ring oder bei Profamilia.

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