Von Gewalt & Menschlichkeit – Impressionen & Empfehlungen des 30. Filmfest Hamburg

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Bildquelle: LagartijapaulusCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Cinema is the greatest mirror of humanity’s struggle. You see this alternative world, but you’re part of it. Everybody is part of it. This is our world.

Lav Diaz

Während ich im ströhmenden Regen vom Campus nach Hause radel, muss ich an die verregneten schwarz-weiß Aufnahmen in Lav Diaz´s ‚Sine Novela‘ denken. Einzelne Szenen ziehen vor meinem inneren Auge vorbei als ich an der Ampel stehe. Auch einen Monat nach dem Filmfest Hamburg habe ich immer wieder Bilder im Kopf, die sich schier von der Leinwand in mein Gedächtnis gebrannt haben. Normalerweise bin ich eher eine gelegentliche Kinogängerin. In den zehn Tagen Filmfest im Oktober, an denen die Hamburger Kinos Produktionen aller Genre und Länder zeigen, habe ich allerdings gleich vier Abende mit ganz unterschiedlichen Filmen im Kino verbracht. Bildern die mir besonders nahe gegangen sind – die immer wieder hoch kommen, und den Ideen die sie in mir angestoßen haben, möchte ich nachgehen.

Rojek

Die Dokumentation, mit der für mich das Filmfest startet, markiert die Rückkehr der Regisseurin Zaynê Akyol in den vom Krieg vebrannten und vernarbten syrischen Teil Kurdistans. Unbehaglich tief taucht sie ein in die Welt der Dschihadist:innen, die in kurdischen Gefängnissen inhaftiert sind. „The film is an attempt to understand their Muslim fundamentalist beliefs, while recounting the rise and fall of the Islamic State (ISIS) through their personal stories“ sagt sie in einem Interview, „“Rojek” offers an intimate gaze at an unknown reality, right after armed combat, testifying about pivotal moments experienced by the actors of this conflict. Thus, the film tackles how this ideological war is only the beginning of a new kind of threat.“

Diese intime Nähe die in der Interview Situation geschaffen wird fühlt sich für mich äußerst befremdlich an. Die Gefangenen sprechen über ihre Zeit als Soldat:innen im Dienst des sogenannten Islamischen Staats. Sie sprechen von ihren Familien und Kindern, Freiheit und Glauben, und ihrem früheren Leben. Die Kamera stets auf Augenhöhe, zeichnet Akyol mit ihren Fragen keineswegs ein Strafenregister, sondern lässt die Dschihadist:innen ihre Geschichten erzählen. Dabei kreiert sie eine unausweichlich befremdliche Nähe. Etwas in mir sträubt sich gegen dieses Gefühl- auch dagegen, dass diese Menschen, trotz der Gewalttaten, die einige von ihnen offen gestehen, genau das sind. Wie passen derartige Gewaltverbrechen wie sie Anhänger:innen des Islamischen Staats an Zivilist:innen verüben und ihre menschlichen Geschichten zusammen? Was bewegt Menschen dazu, Freiheit und Gemeinschaft im Namen eines Glaubens zu suchen, der so erbarmungslos missbraucht wird, dass in seinem Namen getötet wird? Was die Regisseurin als ideologischen Krieg bezeichnet beschäftigt mich seit der Filmvorstellung- wodurch werden Ideologien entfacht, in deren Namen das Töten zum rechten Mittel wird?

Im anschließenden Gespräch mit der Regisseurin fragt eine Zuschauerin, wie sie es geschafft habe, sich mit Kriegsverbrecher:innen auf eine derartige Augenhöhe zu begeben und ihnen dabei mit ihren Fragen weder offensichtlich verurteilend noch beschuldigend gegenüber zu treten. Akyol antwortet, dass dies nicht ihre Aufgabe sei, alle der interviewten Personen seien bereits verurteilt worden. Die Gewalt des IS und das Grauen welches seit dem Krieg die Region überfallen hat drückt sich in Rojek hingegen in der Ästhetik der Landschaftsaufnahmen aus – im gekonnten Kontrastieren der eindringlichen Interviews mit, wenn auch nicht weniger eindringlichen, aber auf eine andere Art bewegenden Drohnenaufnahmen zerbombter, brennender Landschaften. Das bedrückend schleppende und gleichzeitig bedrohlich rythmische Tempo der Szenen einer vom Krieg gezeichneten Region versetzt mich mit einer dystopische Impression. Ich muss mich im Kinosaal aktiv daran erinnern, dass die verbrannten Äcker und verwüsteten Häuser keineswegs Hollywoods Requisitenkiste hervorgebracht hat, sondern dass sie die Realität eines Kriegs sind, in dem Menschen leben und sterben, nicht unweit von Europas Grenzen. Bezeichnend für den Film und seine Darstellung von Gewalt sind Szenen brennender Felder, die Dschihadist:innen immer wieder anstecken. Während die Feuer erbarmungslos in alle Richtungen lodern und die Landschaft wie eine eindringende Front zu fressen scheinen, skizziert Akyol eine Welt in Flammen.

Mi país imaginario

Was in Rojek die lodernden Felder sind, das sind bei Patricio Guzmán die Pflastersteine – ein immer wiederkehrendes Bild – Symbol und Waffe der Proteste in den Straßen von Santiago de Chile. Nach der Ankündigung einer Erhöhung der Preise für Metro Tickets wird Chiles Hauptstadt am 18. Oktober 2019 von einer Welle massiver Proteste erfasst. Im Film startet alles mit einem Ziegelstein, und dann noch einem, und noch einem, bis die Kamera unter dem Klirren der auf sie einhämmernden Demonstrant:innen vollständig herauszoomt und zeigt, wie Menschen auf ganzer Front Straßen in Waffen zu ihrer Verteidigung verwandeln.

Lo que ocurrió en Santiago en 2019 y 2020 se siente como un eco de levantamientos similares alrededor del mundo: en Teherán, Irán, en 2009 (y de nuevo la semana pasada); en las capitales árabes como Túnez; Damasco, Siria, y El Cairo en 2011; en Kiev, Ucrania, en 2014; en París en el punto más álgido del movimiento de los chalecos amarillos en 2018. Esos sucesos no son idénticos, pero cada uno representa la erupción de un viejo descontento con un statu quo que parece eternamente indiferente a los agravios del pueblo.

(eigene Übersetzung: Was 2019 und 2020 in Santiago geschah, fühlt sich wie ein Echo ähnlicher Aufstände auf der ganzen Welt an: in Teheran, Iran, im Jahr 2009 (und erneut seit einigen Wochen); in arabischen Hauptstädten wie Tunis, Damaskus, Syrien, und Kairo im Jahr 2011; in der Ukraine in Kiew, im Jahr 2014; in Paris im Jahr 2018. Diese Ereignisse sind keineswegs identisch, aber jedes von ihnen stellt den Ausbruch einer seit langem bestehenden Unzufriedenheit mit einem Status quo dar, dem das Wohlergehen der Arbeiterklasse gleichgültig zu sein scheint.)

A.O. Scott

Junge Chilen:innen sammeln sich an der Plaza del Baquedano und verwandeln den Platz unter der enormen Statur des General in ein „teatro del futuro“, ein Zukunftstheater. Die Aufnahmen sind emotional und rütteln wach. Szenen energischer lauter Massen auf den Straßen versprühen eine Energie des Aufbruchs, zeigen aber auch wie die chilenische Polizei und Militär brutal gegen die Zivilbevölkerung vorgehen – Bilder die an die Diktatur unter Pinochet erinnern. Der Regisseur zeichnet ein Porträt, der breiten Masse, der Studierenden und ihren Familien, Arbeitenden und Alleinerziehenden, Kindern und Senior:innen die in Chiles Straßen auf gepanzerte Militärfahrzeugen treffen. „Chile despertó“- Chile ist erwacht – schreien die Protestierenden den Barrikaden und Gummigeschossen entgegen.

Abseits der Straßen in Interviews gibt auch Guzmán einzelnen eine Stimme. Sie erzählen von ihrer Motivation unter Einsatz ihrers Lebens für ihre politischen Überzeugungen gegen prekäre Lebensumstände auf die Straße zu gehen. Der Film lädt gleichermaßen dazu ein, sich eine eigene Utopie auszumalen, das imaginäre Land vorzustellen, wie er die brutale Realität zeigt, in der die revolutionäre Bewegung mit militärischer Staatsgewalt zu bezwingen versucht wird. Die Kamera zeigt auf den Straßen wie unzählige Menschen ihr Augenlicht durch Gummigeschosse verlieren oder tötlich verletzt werden, aber sie fängt auch ein, dass in Chile die Angst vor dem was Veränderung kostet verloren wurde, „en Chile se perdió el miedo“. Sie gibt der Bewegung, ihren Studierenden, Feminist:innen, und Mapuche eine Stimme: Marichiweu in Mapudungun oder Mapuzungun bedeutet „Diez o mil veces venceremos“ (Zehn und Tausend Mal werden wir gewinnen), so schreit es die Masse.

La ruptura es violenta pero también alegre. (…) La memoria es nuestro mejor arma.

(eigene Übersetzung: der Umbruch ist gewaltvoll aber auch heiter. (…) Die Erinnerung ist unsere stärkste Waffe.)

Mi país imaginario

A Tale of Filipino Violence

Der letzte Film der Woche mit einer für den Regisseur nicht ungewöhnlichen Länge von 410 Minuten, also fast sieben Stunden, ist eine besondere Erfahrung. Lav Diaz taucht mit seinen Werken immer wieder in Gewaltgeschichten seines Landes, der Philippinen ein und kommt zu denselben düsteren Diagnosen. Er zeichnet in schwarz weiß Wunden, die nicht heilen wollen und das auf seine ganz eigene Art, denn die Kolonialgeschichte der Philippinen ist lang und brutal. Was mit der Eroberung durch Spanien begann, führt nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg zur Besetzung durch die USA, anschließend im zweiten Weltkrieg durch Japan und endet in der Militärdiktatur unter Marcos, dessen Sohn dieses Jahr zum Staatsoberhaupt ernannt wurde. „A Tale of Filipino Violence“ widmet sich sich den 1970er Jahren.

There is no escaping the past. There is no escaping colonialism.

Lav Diaz

Mit atmosphärisch dichter Bildkomposition, langen statischen Szenen, und verschiedenen Handlungssträngen folgt die Sine Novela den Abgründen einer wohlhabenden philippinischen Familie, die langsam zerfällt. Die unterschiedlichen Charaktere werden Teil eines sozialen Panoramas, welches sich über alle Klassen erstreckt. Besonders in der Familiengeschichte der Monzons wird, indem die Kamera Bandong, dem Erben des sterbenden Familienoberhauptes folgt, deutlich, wie die Vergangenheit mit der Gegenwart zu kommunizieren scheint. Die Vergangenheit ist laut und eindringlich, auch wenn im gesamten Film nicht viel gesprochen wird. Bandong ließt im Kerzenschein Aufzeichnungen des 16. Jahrhunderts und Erzählungen der Kolonialzeit verfolgen ihn im Jetzt, wo sie mit der Gewalt der Militärdiktatur verschwimmen, die Oppositionelle und mutmaßliche Kommunist:innen foltern und töten lässt.

In my dreams

It keeps repeating

Seems like a never-ending nightmare

A Tale of Filippino Violence

Der Film ist anders als alles was ich mir für gewöhnlich halbherzig auf Netflix und co. anschaue. Lav Diaz emanzipiert das Kino, das mit seinen Blockbustern und romantischen Komödien so viel schnelle Unterhaltung bietet, die aber irgendwie auch nicht mehr ist als einfach nur das. „A Tale of Fillipino Violence“ schafft Platz für einen Dialog von dem was war und dem was ist, für Echos der Gewalt, die das Land nicht zur Ruhe kommen lässt und das vielleicht genau durch das langsame Tempo, die schwarz-weiß Filme und stummen Szenen. Diaz sagt sich los von einer durchkommerzialisierten Filmindustrie und ihren Auflagen, und zeichnet ein berührerendes Porträt seines Landes, welches von der stillen Entfaltung und Erinnerung der Familiengeschichte lebt.

Was die drei Filme teilen, das sind ihre Visionen und Geschichten von Menschen, die auf unterschiedlichste Art mit ihrer Heimat verbunden sind, die schmerzlich von ihrer Vergangenheit verfolgt werden, sich gegen sie auflehnen, oder selbst zu den Verfolger:innen werden. Ein weiser, älterer Philosophieprofessor in Diaz´s Film spricht mit dem Protagonisten über „the arrogance of ignorance and arrogance of knowledge“ – der „arrogance of ignorance“ wie sie sich in der Ignoranz der Regierung gegenüber den Chilen:innen in Guzmáns Film äußert, oder der „arrogance of knowledge“, wie sie im ideologischen Extremismus der Dschihadist:innen in „Rojek“ extremste Formen annimmt.

Ich empfehle alle drei Filme von ganzem Herzen, da sie auf ihre eigene Art etwas in mir bewegt haben. Vor allem, ist mir bewusst geworden, wie Hollywood mein Unterbewusstsein gekapert hat. Ich bin es gewohnt, Filme zur schlichten Unterhaltung zu schauen, möglichst schnell, laut und plottwist-reich aber bitte immer mit happy end. Bei allen drei Filmen habe ich fast intuitiv auf ein solches happy end gewartet. Ich bin es gewohnt, dass Filme gut ausgehen und habe mir bisher nie Gedanken über ihre zum Teil brutale Gewalt gemacht, denn dafür sind es ja nur Filme – „glücklicherweise nicht real“. Das Filmfest hat mit seinen politischen Filmen eine Einladung gestellt, Teil von Geschichten zu werden die eben nicht „nur“ das sind, sondern eine Revolution auf der anderen Seite der Welt oder zu einer anderen Zeit einfangen können, die sich nicht wie Hollywoods Fantasiewelten so einfach von meiner eigenen trennen lassen.

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