Mein altes Ich – Ein paar Worte zu Neujahrsvorsätzen

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Das Jahr 2022 neigt sich dem Ende zu und leutet damit die besinnliche Zeit des Jahresendes ein. Jene Zeit, in der die Wochentage zwischen Weihnachten und Neujahr scheinbar in einem schwarzen Loch verschwinden, weil niemand mehr sagen kann, ob heute Montag, Dienstag oder vielleicht doch schon Freitag ist. Jene Zeit, in der wir uns mit unseren (gefundenen) Familien zusammenfinden und für ein paar Tage die Welt stehen bleibt. Und dann ist er auch schon da, der Jahreswechsel. Und mit ihm die alljährliche Frage: „Und was sind deine Neujahrsvorsätze?“

Von Vorsätzen kann man halten was man will. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die wenigsten Vorsätze eine Halbwertszeit von einem Monat überschreiten. Dennoch scheint der erste Januar eine unsichtbare Grenze zu markieren, ab der alles anders wird. Plötzlich werden die alten Laufschuhe wieder herausgekramt, Fitnessstudio-Mitgliedschaften abgeschlossen und Süßigkeitenschubladen geleert. Zwar ist bewiesen, dass der Mensch Ziele braucht, um seine psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten, dennoch möchte ich mich für eine andere Wahrnehmung der Neujahrsvorsätze einsetzen. Eine Wahrnehmung weg von Zeitplänen und Hustle-Culture, hin zu Selbstfürsorge und Achtsamkeit.

Wir beschäftigen uns viel zu wenig mit uns selbst. Es gibt so wenige Momente in unserem Leben, an denen wir uns und unseren bisherigen Weg reflektieren. Umso schöner ist es, dass es am Ende des Jahres einen geschützten Raum gibt, in dem wir das Jahr Revue passieren lassen können. Es kann unheimlich befreiend sein, sich einmal hinzusetzen und sich zu überlegen: Was hat mir in diesem Jahr besonders gefallen? Was nicht? Welche Momente möchte ich gerne öfter erleben? Welche Augenblicke gaben mir ein gutes Gefühl und welche ließen mich mit einem schalen Geschmack im Mund zurück? Daraus können wir lernen, was wir vom Leben wollen.

Denn auch, wenn es vielen nicht bewusst ist: Leben ist mehr als Überleben.

Sich etwas für das neue Jahr vorzunehmen, kann motivierend sein. Es ist nichts verwerfliches daran, sich vorzunehmen etwas gesünder zu leben oder mehr Sport zu machen, seine Großeltern öfter anzurufen oder seinen Freund*innen öfter zu sagen, dass man sie liebt. Man sollte jedoch nicht die Erwartung haben, dass sich das ganze Leben innerhalb einer Nacht um 180 Grad dreht. Wer vorher nicht einen Fuß ins Fitnessstudio gesetzt hat, wird auch am ersten Januar nicht plötzlich zum täglichen Trainingstier. Radikale Ziele werden selten erreicht.

Dabei sind auch kleine Ziele wichtig. Es muss nicht immer der durchtrainierte Körper sein, es kann auch sein, einfach mal öfter das Auto stehen zu lassen und zu Fuß zu gehen. Es muss nicht sein, jeden Tag eine perfekt aufgeräumte Wohnung zu haben, es kann auch sein, einfach mal direkt den Papiermüll mit raus zunehmen, anstatt die Pappe zu menschensgroßen Türmen zu stapeln. Leider vergleichen wir uns schnell und gerne mit anderen Menschen um uns herum. Und wenn meine Freundin sich vornimmt, nächstes Jahr 10 Kilo abzunehmen, nur noch frisch zu kochen und nebenbei noch mindestens drei Unternehmen zu gründen, dann schmeckt mein Papiermüllziel plötzlich sehr pappig.

Auch die Industrie versucht aus unseren Vorsätzen Geld zu schlagen. Wer sein neues Ich finden will, soll das bitteschön mit nagelneuer Sportausrüstung tun. Die größten Profiteure sind die Sport- und Diätindustrie. Ihre Werbung suggeriert: Du kannst dein neues Ich erreichen – aber nur mit unseren Produkten. Motiviere dich selbst mit einem Set neuer Gymkleidung. Belohne dein neues Ich mit diesen zuckerfreien Pralinen.

So stellt sich mir die Frage: Muss ich denn mein neues Ich finden? Ist mein altes Ich nicht genug?

In unserer Gesellschaft, die noch immer vom Leistungsgedanken geprägt ist, ist mein altes Ich nie ausreichend. Selbstoptimierung wird groß geschrieben, wer sich nicht mit Ratgebern weiterbildet, ist selber schuld, wenn er oder sie von der schnelllebigen Wirtschaft abgelehnt wird. Es gibt keine Zeit, innezuhalten, denn wer innehält, wird abgehängt. Wir stehen unter dem dauerhaften Druck, mit den Zielen der anderen mitzuhalten. Wir können versuchen, mit unseren Neujahrsvorsätzen Ziele zu kreieren, die noch größer sind als die unserer Mitmenschen, damit wir noch höher springen und noch weiter laufen können. Oder wir nutzen sie als die erlösende Bremse, die wir uns so sehr wünschen.

Für das Jahr 2023 nehme ich mir vor, mir mehr Zeit für mich zu nehmen. Innezuhalten, wenn alle anderen es nicht tun. Einen Schritt zurückzutreten. Es ist nicht wichtig, was andere von mir wollen, sondern was ich von mir will. Wie wäre es, anstatt des Vorsatzes, 5 Kilo abzunehmen, sich den Vorsatz zu nehmen, sich weniger mit anderen zu vergleichen? Wie wäre es, den Vorsatz, nächstes Jahr drei Extrakurse zu belegen, mit dem Vorsatz auszutauschen, aufzuhören anderer Menschen Zeitpläne hinterherzurennen? Wie wäre es, sich vorzunehmen, sich selbst, so wie man ist, anzunehmen? Wie wäre es, sein altes Ich mal nicht zu optimieren, sondern es einfach nur zu lieben?

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