Haustiere – Die Sklaven der Menschen?

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„Ich fühle mich nicht wohl. Ich bekomme keine Luft. Es ist so als könnte ich mich noch so sehr anstrengen zu Atmen, doch es will einfach nicht genügend Luft in meine Lungen. Eigentlich war das mein ganzes Leben schon so, doch in Situationen wie diesen ist es besonders schlimm. Mir ist warm und es fühlt sich so an, als trüge ich eine zweite Hautschicht, die ich einfach nicht abgelegt bekomme. Die Tatsache, dass ständig irgendwelche viereckigen Geräte auf mich zeigen und andere Wesen über mich lachen, macht es nicht besser. Ich fühle mich beobachtet und manchmal ist es sogar so, als würden mich fremde Hände in die Luft heben und zu Orten tragen, an denen ich gar nicht sein möchte.“

So oder so ähnlich würde es sich wohl anhören, wenn „Doug the Pug“ ein Mensch wäre und mit uns reden könnte. „Doug the Pug“ ist jedoch ein Mops-Rüde und mit fast vier Millionen Instagram-Follower:innen das zweit beliebteste Haustier der Plattform. Zu sehen ist er häufig in ausgefallenen Szenen, trägt Hundekleidchen, Perücken, Brillen, Mützen und andere Accessoires. Der Mops geht zudem auf Touren und hat sogar einen eigenen Merchandise-Shop. Beim Schreiben dieser Zeilen frage ich mich, ob es nicht einfacher gewesen wäre, einen Menschen für diese Inszenierungen zu nehmen. Aber vermutlich hätte dieser irgendwann keine Lust mehr gehabt und widersprochen. Und vermutlich hätten einem Menschen dabei auch deutlich weniger zusehen wollen.

Zugegebener Weise ist das Beispiel von „Doug the Pug“ sehr extrem und es gibt vermutlich einige unter euch, die mir zustimmen würden, dass ein Leben in plüschigen Hundekleidchen unter keinen Umständen im Sinne des Hundes ist. Mich treibt jedoch eine allgemeinere Frage an: Ist Tierhaltung generell moralisch vertretbar? Kann es moralisch richtig sein, ein Lebewesen zu züchten, es zu einer Abhängigkeit zu erziehen und über es zu bestimmen? Oder beschreibt dieser Prozess nicht vielmehr sinnbildlich die menschliche Arroganz, mit der wir auf diesem Planeten leben und uns Tiere zu eigen machen? In diesem Artikel versuche ich Antworten auf diese Fragen zu finden. Und eines vorweg – meine Meinung zur Hundehaltung hat sich durch das Schreiben dieses Artikels geändert.

Doch der Reihe nach:
Hätte man mich vor zwei Wochen gefragt, ob Tierhaltung moralisch richtig ist, so hätte man meine Antwort wohl mit einem Wort beschreiben können – „Nein“. Man hätte mich zu diesem Zeitpunkt wohl auch als „Abolitionisten“ bezeichnen können. Hinter diesem Fremdwort mit den vielen Vokalen verbirgt sich die Überzeugung, dass eine Ausbeutung von Lebewesen generell unethisch ist und, dass alle empfindsamen Lebewesen das elementare Recht haben, nicht als Eigentum anderer behandelt zu werden. Zu Beginn meiner Recherche stieß ich auf die Juraprofessor:innen Anna E. Charlton und ihren Mann Gary L. Francione, die die Abolitionismus-Bewegung mitbegründet haben. Sie sagten gegenüber dem GEO-Magazin im September 2017:

„Wir mögen Hunde gern, aber wir sind gegen Hundehaltung, weil es falsch ist, Tiere zu domestizieren. […] Wenn sie aus einem Tierheim gerettet wurden, ist es, wie Flüchtlinge aufzunehmen. Aber es gibt keinen Grund, Hunde zu unserer Unterhaltung oder als Gefährten zu züchten.“

Anna E. Charlton & Gary L. Francione

Beim ersten Lesen klangen diese Worte für mich ausgesprochen logisch und passten perfekt in mein Weltbild. Der Mensch schien mittels Domestikation und Zucht, darüber zu entschieden, welche Tiere sich wie vermehren und welche Merkmale als besonders „gut“ und „lebenswert“ angesehen werden. Die Haustierhaltung verkörperte in meinen Augen das anthropozentrische Wesen des Menschen perfekt: Was dem Menschen nützt ist gut, unabhängig davon ob andere Tiere dabei leiden.

Doch konnte die Antwort auf meine Fragen wirklich so einfach sein? Meine Vernunft und die Neugier nach neuem Wissen verlangten nach Alternativsichten. Gespräche mit meiner Freundin, welche die Haustierhaltung nicht ganz so kritisch sieht wie ich, brachten mich schließlich auf die Idee, einmal die Wissenschaft zu befragen – eigentlich logisch. Warum war ich selbst noch nicht auf diese Idee gekommen?

Und tatsächlich: Gerade was den Hund betrifft schien die Lage nicht ganz so einfach. Schnell stieß ich auf den Begriff der Ko-Evolution. Ko-Evolution beschreibt den Prozess, in dem sich zwei Arten, die stark miteinander interagieren, evolutionär aneinander anpassen. So wird vermutet, dass sich vor etwa 15.000 Jahren die Wölfe dem Menschen annäherten, um von Lebensmittelresten zu profitieren. Später setzten sich dann vermutlich vor allem jene Wölfe durch, welche eine Genvariante aufwiesen, die es ihnen erlaubte Stärke besser zu verdauen – ein enormer Vorteil, denn die Menschen fingen an Landwirtschaft zu betreiben. Doch die Ko-Evolution zwischen Mensch und Hund brachte nicht nur digestive Anpassungen mit sich. Forschungen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie legen nahe, dass Hunde bereits von Geburt an menschliche Hinweisreize, wie Zeigegesten, verstehen können. Dies können Wolfswelpen und andere Tiere nicht. Nicht einmal dann, wenn sie von Geburt an bei Menschen aufwachsen. Andere Studien aus Japan zeigen, dass beim Streicheln eines Hundes Oxytocin ausgeschüttet wird und dies nachweislich nicht nur beim streichelnden Menschen, sondern auch beim gestreichelten Hund. Es scheint also so, als wäre das Halten eines Hundes per se nicht ganz so eigennützig und gegen den Willen des Tieres, wie ich noch zu Beginn meiner Recherche dachte.

Doch weg vom Hund, wie sieht es mit den anderen Haustieren aus? Tatsächlich scheint der Hund mit seiner Ko-Evolution zum Menschen eine Art Sonderstellung im Tierreich zu besitzen. Katzen zum Beispiel scheinen deutlich weniger bis gar kein Oxytocin während der Interaktion mit Menschen auszuschütten. Andererseits wird die Haltung von Katzen aufgrund eben dieser starken Unabhängigkeit zum Menschen von vielen Tierethiker:innen dennoch als moralisch vertretbar angesehen, sofern die Tiere sich frei bewegen können. Bei anderen Tieren, wie bei Kaninchen oder Fischen fordern etliche Expert:innen ein klares Verbot der Haltung.

„Was haben Nagetiere davon in einer Wohnung eingesperrt zu werden? Solche Arten von Haustieren sollte es gar nicht mehr geben.“

Friederike Schmitz – Tierethikerin

Und dann ist da ja noch die Sache mit der Zucht: Die so genannte Qualzucht ist in Deutschland verboten. Dieses Verbot soll verhindern, dass es durch Zucht zu Gesundheitseinschränkungen der Tiere kommt, wie es zum Beispiel häufig beim Mops der Fall ist. Ein Verbot für die Haltung und den Verkauf solcher Tiere gibt es jedoch nicht. Dadurch wird aus Sicht des deutschen Tierschutzbundes die Zucht solcher Tiere unmittelbar in Kauf genommen. Zudem sind Tierheime ohnehin schon stark überfüllt. Diverse Statistiken zeigen, dass schon seit Jahren deutlich mehr Tiere aufgenommen werden, als vermittelt werden können. Eine zusätzliche Zucht von Haustieren erhöht das Überangebot an Lebewesen, die ein Zuhause suchen, unweigerlich.

Am Ende meiner Recherche habe ich vor allem eines gelernt: Das Thema Haustierhaltung ist ambivalent und keineswegs klar zu befürworten oder klar abzulehnen. Ich selbst kann für mich aber sagen, dass ich mein eingeschränktes Weltbild von egoistischen Hundehalter:innen ablegen konnte. Wenn man sich für die Haltung eines Tieres interessiert, so ist es elementar sich um die tatsächlichen Bedürfnisse des Tieres zu sorgen und nicht um die Bedürfnisse, die wir ihnen zuschreiben. Zudem lohnt einmal mehr der Gedanke an ein Tierheim. Doch genau werden wir Menschen wohl nie wissen wie sich ein anderes Lebewesen bei uns fühlt – fällt uns dieser Perspektivwechsel doch beim Menschen oft schon schwer genug.

Wenn euch das Thema Tierwohl am Herzen liegt, dann kann ich euch zudem den aktuellen Artikel von unserer Redakteurin Luise empfehlen. In diesem beschäftigt sich Luise kritisch mit der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

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