„Wir sitzen nicht jeden Abend an der Theke und besaufen uns gnadenlos“

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Eine Reportage über die Studentenverbindung AV Cheruscia zu Münster im CV*

Schwarze Uniform zu einer weißen Hose und hohen schwarzen Stiefeln. Dazu ein farbiges Band wie eine Scherpe umgelegt und einen Säbel** am Gürtel. So posieren die fünf Verbindungsstudenten, die im Sommersemester 2021 eine Vorstandsposition, eine sogenannte Charge, übernehmen werden vor dem Münsteraner Schloss. Mit ihren seitlich aufgesetzten Kappen und dem ernsten Blick wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Auch wenn es vielen Menschen heute nicht mehr bewusst ist, auch heute noch gibt es zahlreiche Studentenverbindungen in ganz Deutschland. Allein in Münster sind knapp 30 Verbindungen ansässig. Diese sind zumeist rein männlich, einige von ihnen sind pflichtschlagend. Ihnen wird Frauenfeindlichkeit, exzessiver Alkoholkonsum und Nähe zum Rechtsextremismus vorgeworfen. Doch was ist an den Vorwürfen wirklich dran? Und warum tritt man heute, im Jahr 2021, einer Studentenverbindung bei?

*AV = akademische Verbindung, CV = Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen
*Es sind nicht wirklich Säbel, sondern sogenannte „Schläger“.

Dafür habe ich die Verbindung AV Cheruscia zu Münster im CV besucht und genau diese Fragen vier Verbindungsmitgliedern gestellt.

Disclaimer: Studentenverbindungen unterscheiden sich sehr stark voneinander. Alle Informationen und Meinungen, die in dieser Reportage genannt werden, beziehen sich ausschließlich auf die AV Cheruscia zu Münster im CV und sind nicht zwingend auf andere Verbindungen übertragbar.

Das Haus der Verbindung, welches an einer vielbefahrenen Hauptstraße liegt, schindet bereits Eindruck. Freistehend mit auffälliger Wandverzierung und dem Wappen der Verbindung an der Hauswand angebracht, hebt es sich klar von den anderen Wohnhäusern auf der Straße ab. Wenn man durch die große Eingangstür hindurchtritt, eröffnet sich ein Gang mit hoher Decke, in dem bereits zahlreiche, teilweise sehr alte, Fotos hängen. Links geht es in den Kneipsaal, den größten Raum auf der sogenannten Etage, die als Gemeinschaftsbereich dient, und am Ende entdecke ich sofort den Thekenraum. Finden hier also die Trinkorgien statt, von denen ich gehört hatte, dass sie in Studentenverbindungen keine seltene Veranstaltung seien?

Der erste Student, mit dem ich spreche, ist Sebastian. Er ist 22 Jahre alt, studiert Geschichte und Religion auf Lehramt und übernimmt im kommenden Semester die Position des Seniors, also des ersten Vorstandsmitglieds der Aktiven. Für ihn war es schon lange klar, dass er einer Studentenverbindung beitreten wird: „Ich komme aus der unüblichen Situation, dass mein Vater und mein Onkel auch in einer Studentenverbindung sind. Daher kannte ich das Ganze schon, bevor ich angefangen habe zu studieren und hatte die Möglichkeit, das Konzept kennenzulernen und mir eine eigene Meinung zu bilden.“

Er trägt zwei mehrfarbige Bänder überkreuzt über seinem Hemd. Ich deute auf seine Bänder und frage, was sie bedeuten. „Jede Verbindung hat eigene Farben und das Band ist unser Erkennungszeichen. Das erste Vorstandsmitglied trägt nochmal ein extra Band, um die Position auch nach außen sichtbar zu machen.“ Die Cheruscer tragen die Farben violett, weiß und schwarz, diese sind auch auf ihrem Wappen abgebildet, das ich bereits an der Hauswand entdeckt habe. Die Verbindung selbst ist in zwei Gruppen geteilt, die Aktivitas – das sind diejenigen, die aktuell noch studieren – und die Alten Herren, all diejenigen, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben. Zur Aktivitas zählt die Verbindung momentan ca. 30 Mitglieder, wobei nicht alle auf dem Haus wohnen. Viele sind nach einigen Semestern ausgezogen und haben nun eigene Wohnungen in Münster und Umgebung. Die Altherrenschaft hingegen ist mit ungefähr 300 Mitgliedern naturgemäß deutlich größer.

Sowohl die Aktivitas als auch die Alten Herren wählen einen Vorstand aus 5 Mitgliedern, die Hand in Hand zusammenarbeiten. Das erste Vorstandsmitglied der Aktivitas ist der Senior. Er ist der erste Ansprechpartner für Gäste und Mitglieder, übernimmt die Kommunikation nach außen und zu den Alten Herren. Der stellvertretende Vorsitzende – genannt Consenior – ist maßgeblich für die Planung von Veranstaltungen zuständig. Neben Senior und Consenior gibt es schließlich noch den Fuxmajor, welcher für die Einarbeitung neuer Mitglieder sowie die Vermietung der Zimmer verantwortlich ist, einen Schriftführer (Skriptor) für die Mitgliedsversammlungen und einen Kassenwart (Quästor), welcher die Finanzen im Auge behält.

Der Grundgedanke der Studentenverbindung

Die Cheruscia ist eine katholische, nichtschlagende Verbindung. „Als Katholiken lehnen wir das Prinzip des Duells Mann gegen Mann ab“, erklärt Sebastian mir. Kämpfe mit dem Schläger gibt es hier also nicht. Aber was ist denn nun der Grundgedanke hinter einer Studentenverbindung? Darauf hat Sebastian eine Antwort: „Der Grundgedanke, würde ich sagen, ist das Lebensbundprinzip.“

Das Lebensbundprinzip? Wieder ein neues Wort für mich. „Lebensbundprinzip bedeutet, dass man als Student eintritt, aber sein Leben lang Mitglied bleibt“, erläutert Sebastian und klingt dabei sogar ein bisschen stolz. „Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass man als junger Student, der in eine Verbindung eintritt auch Vorteile genießt, zum Beispiel eine günstigere Miete in einem recht schönen Haus oder Kontakt über Bundesbrüder, die einem vielleicht mal zu einem Praktikumsplatz verhelfen. Von diesen Vorteilen gibt man später wieder etwas zurück.“

Das klingt für mich auf den ersten Blick sehr sinnvoll, doch nach einigem Überlegen kommt mir der Begriff der Vetternwirtschaft in den Kopf. Erfolgreiche Männer in Vorstandspositionen, die beliebte Stellen an junge Absolventen aus der eigenen Verbindung weitergeben und dabei andere geeignete Kandidat*innen gar nicht berücksichtigen. Aber ist das wirklich so? Von einem Praktikumsplatz ist immerhin noch niemand Geschäftsführer*in geworden. Um diese Frage zu klären, treffe ich mich mit Stefan. Anders als Sebastian ist er kein aktives Mitglied mehr, sondern zum Alten Herren aufgestiegen. Er ist 27 Jahre alt, studierter Bauingenieur und seit dem Beginn seines Studiums 2013 Mitglied in „diesem fantastischen Verein“.

Zum ersten Mal von der Verbindung gehört habe er, als er gemeinsam mit zwei Kommilitonen auf Wohnungssuche war. Besonders das günstige Zimmer in unmittelbarer Nähe zur Fachhochschule habe ihn dazu bewegt, einmal auszuprobieren, wie es ist, in einer Studentenverbindung zu wohnen. Am Anfang sei er noch kein Mitglied gewesen, doch nach der Orientierungswoche, in der er viele neue Leute bei sehr kostengünstigen Getränken kennenlernte, war ihm schnell klar, dass er auch beitreten würde. Bis jetzt habe er diese Entscheidung noch keinen Tag bereut.

Als ich ihn auf den Vorwurf der Vetternwirtschaft unter Verbindungsmitgliedern anspreche, entgegnet er: „Es gibt das Vorurteil, dass Studentenverbindungen ihre Mitglieder in irgendwelche wichtigen Positionen bringen. Bei Vorurteilen ist es natürlich so, dass da manchmal ein wahrer Kern dran ist. Aber es ist nicht so, dass es einen Automatismus gibt. Es ist zwar durchaus möglich über Verbindungskontakte ein (Vorstellungsgespräch) für einen Praktikums- oder Arbeitsplatz zu bekommen. Diese Möglichkeiten werden allerdings nur bedingt genutzt und gehen nicht über den Charakter eines Vorschlages bzw. einer Bekanntmachung hinaus.“ Er selbst jedoch habe schon einige Male Nutzen aus dem Netzwerk gezogen, seine jetzige Wohnung habe er über einen Bundesbruder bekommen.

Doch zurück zum Anfang. Obwohl Stefan vollkommen überzeugt von seinem Beitritt in die Verbindung erzählt, war er nicht frei von Unsicherheit. „Am Anfang fragt man sich natürlich immer, ob es das Richtige für einen selbst ist. Man hat auch ein paar Verpflichtungen, auf die man nicht immer Lust hat, aber die sind im Endeffekt überschaubar und bei weitem nichts, was einen im Alltag behindert. Der Mehrwert von Wohnung und Kontakten überwiegt die Verpflichtungen um Längen.“ Okay, denke ich mir, jetzt ist Stefans Anfangszeit in der Cheruscia allerdings auch schon einige Jahre her und bekanntermaßen erinnert man sich hinterher an alles etwas positiver als es eigentlich war. Wie ist es wirklich, gerade neu in eine Verbindung eingetreten zu sein?

Die Füxe – Mitglieder auf Probe

Leon ist 19, hat gerade das zweite Semester BWL abgeschlossen und ist ein Mitglied auf Probe – ein sogenannter Fux. Er lernt also gerade noch, was es bedeutet, ein Verbindungsstudent zu sein. Auch er ist über die günstige Wohnung zur Verbindung gekommen. „Ich wusste gar nicht, dass das in Deutschland existiert“, erklärt er. „Ich habe es dann einfach mal ausprobiert und jetzt sitze ich hier.“ Wenn man einer Studentenverbindung beitritt, ist man zunächst für ca. zwei Semester Probemitglied, bevor man seine Burschungsprüfung ablegt und als vollwertiges Mitglied feierlich in die Verbindung aufgenommen wird. Ich frage Leon, was ihn als Fux von den anderen unterscheidet. „Viel ändert sich eigentlich nicht, außer, dass ich nicht alleine mit dem Band draußen sein dürfte. Auch an manchen Teilen des Convents, der Mitgliederversammlung, dürfen die Füxe nicht teilnehmen, weil dort Personalentscheidungen getroffen werden.“ Manchmal sei es neben dem Studium schon stressig, da noch viele Verpflichtungen hinzukämen. „Am Wochenende sind viele Veranstaltungen, wo gerade ich als Fux auch anwesend sein sollte. Dann kommt noch dazu, dass ich zusätzlich für die Burschungsprüfung lernen muss.“ Dazu besuche er einmal in der Woche die Fuxenstunde, in welcher der Fuxmajor allen Neuen die Geschichte Münsters und der Verbindung, sowie die gängigen Verhaltensregeln unter Verbindungsstudenten beibringt. Ein Kommilitone hätte ihm schon gesagt, er fände die Idee einer Verbindung und die Partys ja gut, aber insgesamt wäre ihm das Ganze neben dem Studium doch zu viel.

Ich interviewe Leon nicht alleine. Neben ihm sitzt Vincent, 20 Jahre und im 5. Semester seines Psychologiestudiums. „Ich finde es schwierig, von Verpflichtungen zu sprechen“, äußert er sich zu Leons Antwort auf meine Frage. „Das ist immer noch ein Hobby hier. Man wird zu nichts gezwungen.“ Am Anfang sei es natürlich ungewohnt, aber man habe schließlich auch Spaß daran. Auch die Tatsache, dass die Füxe Aufforderungen der Burschen nachzukommen haben, wirkt auf mich zunächst befremdlich, hat aber laut Vincent einen Grund: „Hauptsächlich geht es um die Qualitätssicherung. Gerade, wenn es um die Organisation von Veranstaltungen geht, werden die Füxe vom Consenior stärker eingebunden, damit auch sie irgendwann einmal das Amt übernehmen können. Das Wissen muss man weitergeben, sonst stirbt es aus.“ Dem stimmt auch Leon zu, er habe sich am Anfang auch gefragt, was der Sinn hinter den Anweisungen sei. „Natürlich wollen die gucken, wie du drauf bist und sehen, dass du auch etwas für die Verbindung tust. Du bist die Zukunft und die einzige Garantie dafür, dass der Laden hier weiterläuft.“

Vincent war, anders als Sebastian, eigentlich abgeneigt, einer Verbindung beizutreten, obwohl er ebenfalls ein Altherrensohn ist. Doch als er drei Tage vor Studiumsbeginn noch immer keine Wohnung auf dem umkämpften Münsteraner Wohnungsmarkt gefunden hatte, habe er sich dann doch zwei Verbindungen angesehen und sich schließlich für die Cheruscia entschieden. So sind alle vier Mitglieder mit Beginn ihres Studiums zur Verbindung gekommen. Die Reaktionen ihrer Kommilitonen seien gemischt. Stefan sagt, den meisten seiner Mitstudierenden sei es größtenteils egal gewesen, was er aber auf zum Teil auf seinen technischen Studiengang schiebe. Viele erkundigen sich sogar interessiert, sodass die jungen Männer die Gelegenheit haben, einige Vorurteile zu entkräften. Nicht immer sind die Reaktionen jedoch so positiv. „Ich habe schon miterlebt, dass Leute weggegangen sind, als sie erfahren haben, dass ich in einer Verbindung bin“, berichtet Vincent. Das sei aber innerhalb seines Studiengangs bisher die negativste Erfahrung gewesen.

Ein Austritt ist nicht vorgesehen, doch dafür gibt es das Versprechen einer lebenslangen Freundschaft.

Wenn ich von all der internen Organisation, den Hierarchien und Anfeindungen höre, frage ich mich wieder einmal, was Menschen daran reizt, Teil einer Studentenverbindung zu sein. Freiheit gehört für mich zu den höchsten Gütern und mir scheint es doch so, als müssten hier erst eine Menge anderer Menschen gefragt werden, bevor Entscheidungen getroffen werden. „Man kann es hier in manchen Momenten bestimmt auch als einengend empfinden“, gibt Stefan irgendwann im Laufe des Interviews zu bedenken. „Vor allem, wenn man sich etwas anderes darunter vorgestellt hat.“

Ich kann nicht glauben, dass eine günstige Wohnung ausreicht, um sich für viele Jahre seines Lebens einem Verein wie diesem zu verpflichten. Denn genau das ist es, was das Lebensbundprinzip eben auch impliziert. Geplant ist, dass du dein Leben lang dabeibleibst. Zwar ist es prinzipiell möglich auszutreten, allerdings muss einen Antrag auf Austritt gestellt werden, welcher dann vom Convent genehmigt werden muss. Alle vier versichern mir, dass natürlich nie jemand gegen seinen Willen in der Verbindung gehalten wird, doch vorgesehen sei ein Austritt nach der Burschungsprüfung nicht. „Als junger Alter Herr die Verbindung zu verlassen wird naturgemäß nicht gerne gesehen“, erklärt Stefan. „So jemand hätte sechs, sieben Jahre alle Vorteile mitgezogen und soll jetzt etwas über den Altherrenbeitrag zurückgeben und will dann nicht mehr.“ In den meisten Fällen gäbe es allerdings plausible Gründe für den Austritt, wie beispielsweise der Wechsel des Unistandorts. Vincent merkt jedoch eine wichtige Sache an: „Wenn man austritt, und da bin ich ehrlich, glaube ich schon, dass man ein anderes Verhältnis zu den Leuten hier hat. Selbst, wenn man vorher gut befreundet war.“

Die Gründe, warum die vier jungen Männer dennoch der Verbindung beigetreten sind, sind vielfältig, doch laufen am Ende auf eine Sache hinaus: Der Zusammenhalt in der Gruppe. Für Leon hat vor allem die Anbindung auch während des Online Semesters den Ausschlag gegeben. „Ich weiß nicht, ob ich noch weiter studiert hätte, wenn ich nicht hier gewesen wäre“, sagt er und schüttelt nachdenklich den Kopf. „Mir ist es wichtig, dass viel los ist. In einer Zweier- WG wäre ich vor Langeweile gestorben.“ Auch Vincent betont den großen Freundeskreis, der sich durch die Verbindung ergeben habe. Hier gäbe es viele verschiedene Persönlichkeiten, schon allein durch die verschiedenen Studiengänge, die unter den Aktiven vertreten seien. „Ich finde es wirklich unglaublich“, wirft Leon ein. „Du musst nur in die Gruppe schreiben und fragen, ob jemand Zeit hat, dir zu helfen und es finden sich immer direkt mindestens drei Leute.“ Vincent nickt zustimmend: „Ohne Zusammenhalt würde hier gar nichts funktionieren.“ Auch Stefan sieht vor allem einen Vorteil in der „institutionalisierten Zusammenkunft“. Über das Semesterprogramm, das die Verbindung organisiert und an alle Aktiven und Alten Herren zu Beginn des Semesters verschickt, könne man sich mit alten Freunden verabreden. „Vor allem zum Halten von Kontakten aus der Studienzeit hilft es ungemein, wenn man die Verbindung als gemeinsame Basis hat, die einen zusammenhält.“

So langsam beginne ich zu verstehen, was die vier in der Verbindung hält. Es ist die Gewissheit aufgehoben zu sein, in Notfällen immer Unterstützung zu erhalten und das Versprechen einer bedingungslosen Freundschaft, die ein Leben lang bestehen bleibt. Aber ich will noch besser nachvollziehen können, was es heißt, ein Verbindungsstudent zu sein, also lasse ich mir den Alltag im Verbindungshaus genauer beschreiben. Neben den Veranstaltungen unter der Woche und am Wochenende zu denen Sportveranstaltungen, Bälle, Diskussionsabende, Verkostungen und Vorträge von Gastredner*innen gehören, gehen während des Semesters alle Verbindungsstudenten ganz normal zu ihren Univeranstaltungen. Gegen 13 Uhr wird auf dem Haus Mittagessen von einer hauseigenen Köchin angeboten, das viele der Jungs gerne nutzen. Nachmittags könne man sich dann noch auf einen Kaffee zwischen den Veranstaltungen im Wohnzimmer treffen. Ab und zu wird gemeinsam im Kneipsaal gelernt, die meiste Zeit bestehe aber aus ungezwungenem Zusammensitzen, so Stefan. Etwa viermal im Jahr ginge es auch in die Kirche, es handle sich immerhin noch um eine katholische Studentenverbindung. „Abends setzt man sich vielleicht mal an die Theke und trinkt ein paar Bierchen zusammen“, erklärt Sebastian. „Oder wir besuchen andere Verbindungen in Münster, das nennt sich Bummeln.“

Ein paar Bierchen? Da muss ich natürlich nachhaken. Schließlich kenne auch ich das Gerücht, in Studentenverbindungen würde Bier wie Wasser fließen. Sebastian schüttelt lachend den Kopf. Es könne schon sein, dass es häufiger vorkommt, dass sie auch unter der Woche trinken. Da höre es aber auch schon auf. „Wir sitzen nicht jeden Abend an der Theke und besaufen uns gnadenlos.“

Das klingt für mich alles erstmal nicht schlecht. Doch meine Zweifel bleiben. Zu viel Negatives habe ich bereits über Studentenverbindungen gehört. Auch auf den Veranstaltungen, die ich selbst bereits als Außenstehende miterleben durfte, konnte ich nicht immer alles nachvollziehen. Also beschließe ich, die vier jungen Männer ein wenig aus der Reserve zu locken und sie auf Themen anzusprechen, die ihnen vielleicht nicht ganz so angenehm sind.

Der „Trinkzwang“

Fast immer, wenn man in den Medien Berichte über Studentenverbindungen hört, fällt auch der Begriff des „Trinkzwangs“. Es heißt, Verbindungsmitglieder würden in verschiedenen Ritualen gezwungen, unmenschliche Mengen an Bier und anderen alkoholischen Getränken zu konsumieren. Dazu zähle unter anderem die „Kneipe“, eine offizielle Veranstaltung nur für Mitglieder, andere Verbindungsstudenten und männliche Gäste, die in einem Bericht von ze.tt als „ein schickes Wort für grenzlose Besäufnisse“ betitelt wurde. Es gibt jedoch noch weitere Riten und Traditionen, die viel Alkohol beinhalten. Dazu gehört beispielswiese, dass sich die neu aufgenommenen Mitglieder ihren sogenannten Knopf – das Endstück des Bandes als Erkennungszeichen ihrer Verbindungszugehörigkeit – erst verdienen müssen, meistens indem sie ein oder mehrere halbe Maß Bier exen. Auch fordern sich die Studenten gegenseitig heraus, einen „Bierjungen“ zu trinken. Dabei gewinnt, wer zuerst eine vorher festgelegte Menge Bier geext hat. Das sei eine Persiflage der nichtschlagenden Studentenverbindungen darauf, dass sich die anderen bei so einer Aktion „mit dem Säbel eins auf die Mütze geben würden.“ Und dann ist da noch die „Staffette“ – quasi ein Bier-exen-Staffellauf, der meist gegen andere Verbindungen getrunken wird und das Horn bei der Ernennung zum Burschen.

Im Grunde heißt das: Du musst bei nichts mitmachen, aber indirekt schon. Ein gewisser sozialer Druck sei da, gibt auch Sebastian zu. Ich berichte den jungen Männern, was ich in Verbindungen erlebt habe. Von Studenten, die anstelle aufzuhören, lieber einen Eimer holten, um die halbe Maß doch noch trinken zu können. Andere, die so lange bedrängt werden, jetzt doch endlich mitzutrinken, bis sie nachgeben – obwohl sie bereits mehrere Male Nein gesagt haben. „Die Grenze, bei der jemand aufhören sollte zu trinken, liegt bei uns wahrscheinlich etwas weiter hinten“, erläutert Sebastian. „Dass man sagt, okay, du musst dich jetzt übergeben, aber das ist nicht so schlimm, du kannst trotzdem noch weiter trinken.“

Stefan versucht schnell, meine Anklagepunkte einzuordnen. „Das Element, das einen dazu drängt, ist eher die anderen, auch angetrunkener Leute und nicht der Verein an sich. Es hängt immer von der Person ab. Natürlich ist es blöd, wenn jemand sich drängen lässt und es eigentlich nicht möchte.“ Früher sei das nicht so gewesen, meint Vincent und ich sehe ihn überrascht an. Ein Alter Herr, der in den 80ern aktiv gewesen sei, habe noch letztens mit ihm darüber gesprochen, wie sehr der Konsum doch seit seiner Aktivenzeit gestiegen sei. Als wirkliches Problem sieht es keiner der vier. Leon gibt zu, dass er eben leicht zu überreden sei, dass sei aber schon vor dem Studium so gewesen und Stefan weist vehement darauf hin, dass es auch immer die Option gäbe, alkoholfreies Bier zu wählen. Es habe sogar zwei Studenten hier gegeben, die in ihrer gesamten Aktivenzeit keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken haben. Ganz überzeugt haben sie mich nicht. Denn ich weiß, wie stark sozialer Druck manchmal sein kann und wie schnell es dazu kommt, dass Mitglieder einer Gruppe ihre eigenen Praktiken nach außen hin rechtfertigen, um sich und ihre Gruppe besser darzustellen.

Ausschluss von Frauen

In unserer Gesellschaft ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen die gleichen Rechte zustehen. Dennoch ist ihnen der Zutritt zu vielen Verbindungen verwehrt. Auch die Verbindungen unter dem Dachverband des CV, zu dem auch die Cheruscia gehört, sind reine Männerbünde. Dieser Umstand ist historisch bedingt, da sich die meisten Verbindungen zu einer Zeit gegründet haben, in der Frauen noch gar nicht an Universitäten studieren durften. Den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit weisen sie jedoch von sich. „Es gibt hier keine Frauenfeindlichkeit“, sagt Stefan nachdrücklich. „Mir ist das immer fremd gewesen.“ Der Ursprung des Vorwurfs der Frauenfeindlichkeit sei ihm aber natürlich bewusst. Da die Verbindung keine Frauen aufnehme, sei der Verdacht der Frauenfeindlichkeit sehr nahe. Er kenne aber keine Frau in seinem Bekanntenkreis, die sich bei einem Besuch in der Verbindung unwohl gefühlt habe. Tatsächlich sind Frauen bei der Cheruscia bei vielen Veranstaltungen erlaubt. Diese sind im Semesterprogramm mit einem D gekennzeichnet. Stefan findet die meisten Veranstaltungen, die extra für Freundinnen der Bundesbrüder organisiert werden, würden schon zu übertrieben positiv extra für Frauen dargestellt. Eigentlich sei das gar nicht nötig, denn Frauen auf dem Haus seien etwas ganz Normales.

Schön und gut, doch in mir zieht sich trotzdem etwas schmerzhaft zusammen, wenn ich höre, dass ich mir erst eine Erlaubnis für meine Anwesenheit einholen muss. Denn tatsächlich wurde auch ich schon einmal gebeten, den Raum zu verlassen, als eine „Stafette“ getrunken werden sollte. Ich war zwar verwirrt, doch dachte mir nichts Großes dabei, da ich davon ausging, ich dürfe nur nicht dabei sein, da ich kein Mitglied der Verbindung sei. Erst später stellte sich heraus, dass das nicht stimmte. Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich dabeibleiben dürfen. Die Antwort auf meine Frage, warum das so ist, blieb ein ernüchterndes: das sei eben Tradition. Vor allem aber wolle man aber vor Frauen ein gewisses würdevolles Bild bewahren, was auch ein Grund sei, warum die Verbindung bis heute keine Frauen aufgenommen hat. An manchen Stellen sei es eben auch mal schön unter Männern bleiben zu können.

Auch Stefan kann mir nicht zufriedenstellend erklären, warum der Dachverband seiner Verbindung die Aufnahme von Frauen nicht erlaubt. „Es gibt keinen logischen Grund dafür.“ Er zuckt mit den Schultern. „Das hat sich historisch so ergeben und das ist jetzt immer noch so. Natürlich ist das kein gutes Argument und ich kann verstehen, dass das nach außen etwas komisch wirkt.“ Die gleiche Meinung vertritt Sebastian. Er befürchtet sogar, die Aufnahme von Frauen könnte zu Spannungen innerhalb der Verbindung führen, das hätten ihm bereits Mitglieder gemischter Verbindungen erzählt. Ich frage ihn, ob es denn Bestrebungen gibt, die Aufnahme von Frauen in den nächsten Jahren einzuführen. Immerhin erhalten Männer, die Verbindungen beitreten viele Vorteile wie günstigen Wohnraum und ein gutes Netzwerk, was prinzipiell natürlich gut ist, jedoch auch ein Nachteil für diejenigen, die kategorisch ausgeschlossen werden. Er verneint. „Bei uns empfindet kein Bundesbruder das Verlangen, Frauen in die Verbindung aufzunehmen.“

Interessant, denke ich und notiere mir seine Aussage. Als ich später mit Leon und Vincent spreche, stelle ich fest, dass Stefans und Sebastians Meinung nicht unbedingt die einzige innerhalb der Verbindung ist. „Es gibt Kritikpunkte, die ich absolut nachvollziehen kann, einer davon ist der Sexismus-Aspekt“, sagt Vincent. Das Problem liege darin, dass früher andere Rollen- und Geschlechterbilder herrschten. Um heute etwas zu ändern, müsse jedoch demokratisch abgestimmt werden und die meisten Mitglieder seien eben Alte Herren. „Diese haben oftmals ein anderes Bild von Frauen als die heutige Generation und deswegen ist es nicht so leicht etwas zu verändern.“ Einer Sache ist Vincent sich aber sicher, die Frage, ob Frauen in Zukunft in die Verbindungen aufgenommen werden dürfen, wird sich der Dachverband stellen müssen. Vorher würde jedoch sehr wahrscheinlich über die Aufnahme Mitglieder anderer Konfessionen diskutiert werden. „Das wird noch eine große Debatte geben und ich kann mir vorstellen, dass sich da in Zukunft etwas ändern könnte.“

Auch in anderen Bereichen könnte sich die Verbindung in Vincents Augen mit dem Zeitgeist wandeln. „Ich würde gerne Veränderung hier reinbringen“, erklärt er. Dafür setze er sich auch ein. Im letzten Semester hat er als Senior dafür gesorgt, dass das ehrenamtliche Engagement der Cheruscia angekurbelt wurde. So habe er beispielsweise eine Veranstaltung zum Sammeln von Spenden für die Kinderkrebshilfe Münster organisiert.

Rechtsextremismus

Der wohl größte Kritikpunkt an Studentenverbindungen ist wahrscheinlich ihre angebliche Nähe zum Rechtsextremismus. Um diese Kritik zu verstehen, muss man einen kurzen Blick auf die Geschichte der Studentenverbindungen in Deutschland werfen. Im Kaiserreich waren Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit weit verbreitet. Immer mehr Verbindungen schlossen ab 1880 Juden als Mitglieder aus und auch sozialistische und sozialdemokratische Bewegungen wurden abgelehnt. Viele Studenten aus den Burschenschaften meldeten sich dann im ersten Weltkrieg freiwillig für den Militärdienst und hörten auch den „Ruf nach einem starken Mann“, als Hitler und die NSDAP Jahre später an die Macht kamen. So beteiligten sich viele Verbindungsstudenten an den zahlreichen Bücherverbrennungen, die im Mai 1933 angeordnet wurden. Aufgrund ihrer Verstrickungen ins Nazi-Regime wurden die studentischen Verbindungen nach Kriegsende verboten und erst Anfang der 1950er wieder erlaubt. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fand jedoch nur selten statt. In den 70ern bildete sich schließlich die sogenannte Neue Rechte, eine Strömung aus meist jungen Intellektuellen, die sich mit ihrer politischen Position irgendwo zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus bewegten. Einige von ihnen wurden als Redner zu Studentenverbindungen eingeladen und auch Überschneidungen mit rechtsextremen Parteien wie der NPD lassen sich nachweisen. Deshalb werden auch heute noch einige Verbindungen vom Verfassungsschutz beobachtet. Jüngst erregte ein Vorfall aus Heidelberg Aufsehen, als mehrere Verbindungsstudenten einen 25jährigen wegen seiner jüdischen Abstammung mit Gürteln geschlagen, beleidigt und mit Geld beworfen hatten.

Die Cheruscia wurde wie alle Verbindungen während des Nazi-Regimes aufgelöst und ihre Grundstücke enteignet, von denen auch heute nur eins wieder in ihrem Besitz sind. Das Einzige, was an die Zeit vor der NS-Diktatur erinnert, sind ein paar Möbel, die ein Alter Herr bei sich versteckte, sowie die schwarz-weißen Fotos an den Wänden. Einige der abgebildeten tragen eine Wehrmachtsuniform, da es das letzte Foto ist, dessen man nach dem Krieg habhaft werden konnte. „Es gab und gibt hier keinen Rechtsextremismus“, sagt Stefan. Da sind sich alle einig. In ihrer Verbindung herrsche kein rechtsradikales Gedankengut. „Ich will damit nicht verhehlen, dass es andere [Verbindungen] gibt, die damit ein Problem haben.“ Er habe sogar schon Kontakt zu ihnen gehabt, so etwas würde in seiner Verbindung jedoch nicht toleriert werden. „Für Extremismus ist hier kein Platz“, sagt er und ich weiß, dass er es ernst meint. Aus heutiger Sicht wirken Studentenverbindungen konservativ, doch früher galten sie als die progressivsten Strömungen überhaupt. Schon im Kaiserreich, als Deutschland noch eine politische Monarchie war, wählten die Verbindungen ihren Vorstand demokratisch und legten somit auch einen Grundstein für unsere heutige Verfassung.

Mit den Vorwürfen müssen sich die Studenten trotzdem auseinandersetzen. „Wir hatten einen Vorfall, da wurde uns mit Russisch Brot das Wort Nazis vor die Haustür gelegt“, erzählt Vincent. Auch bei einem Ausflug nach Essen seien ihnen Beleidigungen hinterhergeworfen worden. Für sie sind die Vorwürfe unverständlich. „Als ich hier anfing, war es für mich total eigenartig, dass manche mich anscheinend auf einmal für einen rechten Spinner hielt“, berichtet Stefan. „Sowas würde ich selbst auch von niemandem behaupten. Wenn es dann heißt, alle Burschenschaften seien Nazis, die man verbieten müsse, fühle ich mich im Prinzip immer persönlich angegriffen. Diese Vorurteile sind natürlich stark stigmatisierend.“ Vincent erzählt, dass er auf einer WG-Party als Verbindungsstudent geoutet wurde und danach mit rechtsradikalen Vorwürfen konfrontiert worden sei. „Irgendwann ist man es auch mal satt auf jeder Party darüber zu diskutieren.“ Er findet es besonders schade, dass so wenig zwischen Verbindungen differenziert wird. „Das Problem ist, dass viele Menschen nicht wissen, was eine Verbindung ist und nur das mitbekommen, was in den Medien gezeigt wird. Und das sind nun mal die negativen Nachrichten. Die Leute scheren dann alle Verbindungen über einen Kamm.“ In seinen Augen müsse allerdings auch von Seiten der Verbindung selbst mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. Außerdem müsse die Verbindung stärker zeigen, dass sie sich von Rechtsextremismus distanziere.

Von allen Kritikpunkten hat zumindest bei der Cheruscia der Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus die geringste Berechtigung. Dennoch sind Studentenverbindungen gerade in politisch eher links orientierten Städten wie Münster nicht gerade beliebt. Das bekommen die vier Studenten auch zu spüren. Leon berichtet, er sage oftmals zunächst, er wohne in einer WG und wartet ab, bis er seine Gesprächspartner*innen einschätzen kann, bevor er ihnen von seiner Mitgliedschaft in der Verbindung erzählt. Vincent stimmt ihm zu. Auch er habe das Gefühl, seine Mitgliedschaft verheimlichen zu müssen. „Wenn man etwas, das man gerne und mit Freude macht, verheimlichen muss, dann ist das sehr schade. Dass ich so etwas nicht nach außen kommunizieren kann, ohne direkt einen Stempel ins Gesicht zu bekommen, sehe ich sehr kritisch.“

Zuletzt frage ich die vier, ob sie es neuen Erstsemestern empfehlen würden, einer Verbindung beizutreten. Alle vier bejahen. „Ich würde jedem empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen und sich zu informieren“, meint Sebastian. Er sei sich aber auch sicher, dass eine Verbindung nicht für jeden Studenten etwas sei. Stefan fügt noch hinzu, dass er auch jede*m*r empfehlen würde, zumindest mal als Gast vorbeizuschauen und sei es, um Vorurteile abzubauen. Mehr Offenheit und weniger Pauschalisierung – das wünschen sich die vier jungen Männer von ihren Mitmenschen in Zukunft. Sie sehen aber auch, dass an manchen ihrer Traditionen der Zahn der Zeit nagt und dass auch sie als Mitglieder ihrer Verbindung in der Verantwortung stehen, sich für einen nichtdiskriminierenden Umgang mit allen Menschen der Gesellschaft einzusetzen.

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