In die Schulen, aus dem Sinn

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„Wir können Ihre aktuelle Politik, die uns alle im Stich lässt, psychisch belastet und körperlich gefährdet, nicht länger mittragen“: Anfang Februar wenden sich mehr als 100 deutsche Schulsprecher:innen in einem offenen Brief an Politik und Öffentlichkeit. Darin beklagen sie, Schüler:innen seien in den Pandemiejahren von der Politik weitesgehend ignoriert worden. Schließlich fordern Eltern- Lehrer:innen- und Schüler:innenverbände seit der ersten Corona-Welle Investitionen in den Infektionsschutz und in digitale Lehrmöglichkeiten…

…doch diese waren den meisten Bundesländern und dem Bund in aller Regel zu teuer. Statt Filtersysteme und Laptops zu beschaffen, schickten die Bildungsministerien ihre Schützlinge während des ersten Lockdowns völlig unvorbereitet in den Fernunterricht. Und so saßen in einigen Familien gleich mehrere Schulkinder während des Onlineunterrichts im selben Raum, oft gab es innerhalb eines Haushalts nicht ausreichend internetfähige Geräte und auf die Bedürfnisse von Kindern mit besonderen Lernbedürfnissen konnte erst gar keine Rücksicht genommen werden. Insbesondere in ländlichen Gebieten sorgte zudem das in Deutschland chronisch schlecht ausgebaute Breitbandnetz zudem dafür, dass einige Schüler:innen gar nicht im digitalen Unterricht teilnehmen konnten. In den zuständigen Bildungsministerien sah man die Sache gelassen und zeigte wenig Innovationsfreude. So empfahl beispielsweise das Baden-Württembergische Ministerium für Kultus, Jugend und Sport in einem Grundsatzpapier für den Fernunterricht 2020/21: „Die Lehrkraft kann den Fernunterricht auch „analog“ durchführen (z. B. Aufgaben werden per Post verschickt und die Lehrkraft steht per Telefon für Rückfragen zur Verfügung).“

Die Folge war ein reines Chaos. In einigen Bundesländern wurde diskutiert, ob Prüfungen für Schulabschlüsse überhaupt Sinn ergeben würden. Wie gut Unterricht stattfinden konnte, war einerseits abhängig von der Kreativität der überrumpelten Lehrkräfte , denen weder die nötigen technischen Hilfsmittel, noch klare Vorgaben gemacht wurden, andererseits aber auch von der Selbstdisziplin Pubertierender und nicht zuletzt dem Portemonnaie der Eltern.

Langsam wurde auch den Verantwortlichen bewusst, dass dieses Modell nicht funktionieren kann. Deutschlands Bildungssystem ist digital selbst im regulären Schulbetrieb so schlecht aufgestellt, dass vielerorts noch mit Overhead-Projektoren und Kreidetafel gelehrt wird. Doch statt mit dem Kauf von Laptops, Onlineplattformen und mit speziellen Angeboten für förderbedürftige Kinder nachzubessern, schickte man sämtliche Schüler:innen zurück in den verpflichtenden Präsenzunterricht. Klar, auch mit den besten technischen Mitteln ist Fernunterricht langfristig nicht sinnvoll. Gerade jüngere Kinder brauchen soziale Interaktion und Kontakte, um sich entwickeln zu können. Deshalb sind auch individuelle und vor allem sichere Präsenzangebote so wichttig. Aber statt Lüftungsanlagen für Klassenzimmer zu beschaffen, kauften die Ministerien für zumindest kurzfristig wenig Geld massenhaft ungenaue Selbsttests, die die Schüler:innen in regelmäßigen Abständen selbst an sich durchführen sollten. Sowohl Lehrer:innen als auch Schüler:innen berichteten dabei von zahllosen Manipulationsversuchen oder fahrlässig unkorrekt durchgeführten Tests. Außerdem wurde ab und zu gelüftet.

Es ist erschreckend, wie egal Kinder und Jugend der Politik zu sein scheinen. Während Home-Office in der Wirtschaft überall dort verpflichtend wurde, wo es möglich ist, während Kontaktbeschränkungen verhinderten, dass sich drei Freunde treffen konnten: Die Schulen blieben offen. Weil die Corona-Impfstoffe zudem lange für Kinder und Jugendliche gar nicht zugelassen wurde, hat man so die Schüler:innen ihrem Schicksal überlassen. Die Technische Universität Berlin berechnete, dass ein mit der Omikron-Variante infizierter Schüler innerhalb eines Schultages im Schnitt 9,7 weitere Schüler:innen ansteckt – trotz Maskenpflicht, dauerhaftem Abstand und regelmäßigem Lüften.

Dass Schulen in Deutschland ein wahrer Infektionherd sind, lässt sich auch an den nach Alter aufgeschlüsselten Inzidenzwerten erkennen. Für die Kalenderwoche 5/22 liegt die Inzidenz für 5- bis 19-Jährige mit 3.278 pro 100.000 Einwohner mehr als doppelt so hoch wie der gesamte Inzidenzwert von 1506 pro 100.000 Einwohner. Zwar ist ein schwerer Verlauf bei Kindern trotz fehlender Immunisierung meist unwahrscheinlich, doch Schüler:innen tragen das Virus weiter, infizieren Eltern, Großeltern, Lehrer:innen oder Sporttrainer:innen. Der fehlende Einsatz gegen Corona an Schulen war nach Ansicht vieler Expert:innen der Hauptgrund dafür, dass Deutschland von den letzten Corona-Wellen besonders hart getroffen wurde.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin und derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Karin Prien (CDU) plädiert derweil auf weitere Lockerungsmaßnahmen an Schulen – entgegen den eindringlichen Appellen von Virolog:innen. Nach ihr soll die Testpflicht einer „Testmöglichkeit“ weichen, die Maskenpflicht soll nach und nach entfallen. Auch in Nordrhein-Westfalen werden Investitionen in den Infektionsschutz für die nicht wahlberechtigen Schüler:innen weiter umgangen. Dort versprach man stattdessen Coronahilfen in Höhe von 50 Millionen Euro für Karnevalsvereine. Damit hätte man rund 100.000 Klassenräume mit Lüftungssystemen ausstatten können.

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