Historikerstreit 2.0 – Erinnerungskultur neu denken?

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1986/87 wird in Deutschland eine Debatte laut, die als Historikerstreit bekannt wird. Gestritten wird über die Singularität des Holocaust und über seine Rolle in der Geschichte. Den Kern bildet die Frage nach den Ursprüngen des Nationalsozialismus und nach einem möglichen Zusammenhang zu vorherigen Massenverbrechen. Während die einen diese Kontextualisierung für absolut notwendig hielten, wurde diese Haltung von anderen als Revisionismus scharf kritisiert. Jene beiden Stimmen stehen sich nun auch in der aktuellen Debatte gegenüber. Worum geht es in dieser neuen Diskussion? Um das zu klären, geht es erstmal zurück in die Achtziger.

Entfacht wurde der Historikerstreit durch einen Artikel des Historikers Ernst Nolte welcher als Versuch, die Verbrechen der Nationalsozialisten als Reaktion auf bolschewistische Vernichtungsdrohungen darzustellen, scharf kritisiert wurde. Dabei wurde Nolte und seinen Anhänger:innen vorgeworfen, den Holocaust relativieren und verleugnen zu wollen. Thesen des Historikers sind heute noch Gegenstand rechtsextremistischer Diskurse und Nolte selbst wird in den Neunzigern vermehrt mit der rechtsextremistischen Szene in Verbindung gebracht. Sozialphilosophen wie Jürgen Habermaß kritisieren damals den revisionistischen Trend, den er in der Vergangenheitsbewältigung sah, sowie die Versuche einer nationalkonservativen Identitätsbildung und melden sich auch in der aktuellen Debatte zu Wort.

Diese wurde im Mai diesen Jahres mit der Veröffentlichung Dirk Moses´ Artikels über den „Katechismus der Deutschen“ entflammt. In diesem stellt der australische Genozidforscher die Forderung, den Gedanken einer unvergleichlichen Singularität des Holocausts aufzugeben. Er bezeichnet diesen als religiösen „Katechismus“ von dem es sich zu trennen gilt und erntet dafür scharfe Kritik. Moses wird Revisionismus unterstellt während er und seine Gleichgesinnten Jürgen Zimmerer oder Michael Rothberg genau diesen in einer Alleinstellung der Schoah sehen. Den Historiker:innen geht es im Kern vor allem darum, die vergleichende Geschichtsforschung zu enttabuisieren.

Die Saison 20/21 wird nicht nur als die der Coronakrise in die Geschichte eingehen, sondern auch als Moment eines (zumindest eifrig betriebenen) Paradigmenwechsels in der Debatte über den Holocaust.

Thierry Chervel

Die aktuelle Debatte wird vielerorts als „neuer Historikerstreit“ oder „Historikerstreit 2.0“ betitelt – inwiefern diese Bezeichnungen passen sind wird ebenfalls heiß diskutiert aber darum soll es hier nicht gehen. Fakt ist, die Frage nach der (Un-)Vergleichbarkeit des Holocausts ist keine leichte aber umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit den Kontroversen die sie aufwirft.

Was fordern Zimmerer, Rothberg und co.?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zur Debatte des letzten Jahrhunderts. Während die Frage nach der Vergleichbarkeit des Holocausts sich damals auf Verbrechen unter Stalin bezog mit der Absicht, Deutschlands politische Verantwortung herabzuspielen, zielen linke Historiker:innen heute auf das Gegenteil ab. Weder Zimmerer noch Rothberg leugnen die Singularität des Holocausts oder stellen unsere Verantwortung in Frage. Sie bekennen sich ausdrücklich zu einer deutschen Verantwortung und betonen die Grausamkeit der Verbrechen der Nationalsozialisten. Was sie fordern ist eine Öffnung der Erinnerungskultur um die gewaltigen Dimensionen kolonialistischer, rassistischer und antisemitischer Gewalt besser zu verknüpfen und aufzuarbeiten.

Wie kann es sein, dass genau in jener Zeit, in der die Anerkennung der Verantwortung für die Schoah zentral für das deutsche Selbstbild wurde, das Land von rassistischer und antisemitischer Gewalt erschüttert wurde und wird?

Zimmerer, Rothberg

Sie sehen in der bisherigen Unvergleichbarkeit mehrere Probleme und fordern daher vergleichende Perspektiven und eine multidirektionale Erinnerungskultur – keineswegs mit dem Ziel, die Schrecken des Holocausts zu relativieren. Ganz im Gegenteil, Zimmerer und Rothberg teilen die Überzeugung, dass vergleichende Ansätze entscheidend zur Verantwortungsübernahme beitragen. Vergleichende Genozidforschung kann uns helfen, die Wurzeln des Nationalsozialismus und somit die einzigartige Grausamkeit der Schoah besser zu verstehen, denn Einzigartigkeit schließt Relationalität nicht aus. Um den Horror des Holocausts angemessen und in seinen vollen Dimensionen erfassen zu können bedarf es einen Blick auf historische Kontinuitäten. Demnach verhindert die Konzeption des Holocaust als präzedenzlos eine angemessene Eingliederung von anderen Menschheitsverbrechen in unsere Erinnerungskultur. Wir können und sind in der Pflicht sowohl beispielsweise den bis heute kaum aufgearbeiteten Genozid an den Herero und Nama in Namibia (einen Artikel dazu gibt es hier) zu erinnern als auch den Holocaust. Jürgen Habermas spricht dabei von einer notwendigen Erweiterung unseres Gedenkens. Um einer immer diverseren, von Migration und Einwanderung geprägten Gesellschaft gerecht zu werden muss einerseits die Ächtung des Antisemitismus vor dem Hintergrund des Holocaust als Kern deutscher Erinnerungskultur anerkannt werden. Gleichzeitig muss die Gedenklandschaft ihren Bewohner:innen gerecht werden, welche in unterschiedlichste Kulturen und Geschichten eingebunden sind. Durch Migration und Flucht bewegen wir uns alle in zunehmend diversen Kreisen.

Die Forderungen der Linksliberalen sind kontrovers und werden scharf kritisiert. Ihnen wird vorgeworfen, den Holocaust durch eine Einbettung unsichtbar zu machen und ihn hinter die Kolonialverbrechen zu stellen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um einen Vergleich mit dem Zweck der Relativierung sondern konkret darum, die Leistungen die Deutschland in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus erbracht hat auf die Verbrechen des Kolonialismus unter dem Kaiserreich zu übertragen. Während unsere Gedenkkultur Lobenswertes für die Aufarbeitung des zweiten Weltkrieges getan hat, können und müssen diese Errungenschaften auf totgeschwiegene koloniale Massenverbrechen angewendet werden ohne dass sich der Stellenwert des Holocaust verschiebt. Eine Herauslösung der Schoah aus unserer Geschichte hingegen verzerrt die deutsche Nationalgeschichte vor 1933.

Es geht um nicht weniger als um die Abwehr einer Debatte über koloniale Verbrechen, und damit verbunden um die unkritische Rettung einer europäischen Moderne, die Sicherung einer weißen hegemonialen Position im Inneren und die dominierende Stellung des „Westens“ nach außen.

Zimmerer, Rothberg

Auch wenn sie für den Umgang mit den Verbrechen des zweiten Weltkriegs hochgelobt wird, weist unsere Erinnerungskultur Leerstellen auf und Fragen nach der Beständigkeit von Diskriminierung. Die Zurückweisung einer globalen Perspektive auf Erinnerungskultur und somit auch den Holocaust ist eine Form des Verantwortungsentzugs und sie verhindert ein Verständnis historischer Zusammenhänge Deutschlands und der Welt. In einer Zeit zunehmender antisemitistischer und rassistischer Übergriffe spielt eine Auseinandersetzung mit genau diesen kontroversen Fragen der Vergangenheitsbewältigung nach wie vor eine entscheidende aber keine leichte Rolle.

Eine übersichtliche Zusammenfassung der aktuellen Debatte gibt es außerdem hier.

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